Produzentengalerie?
Die Produzentengalerie ist eine Ausstellungsplattform von Kunstschaffenden für Kunstschaffende. Sie wurde von visarte.bern mitinitiiert, die den Ausstellungsraum gratis zur Verfügung stellt. Nach einem erfolgreichen ersten Jahr 2007/8 unter der Leitung von Boris Billaud, Renée Magaña, Beat Feller und Dominik Stauch gelang es leider nicht, genügend motivierte Kunstschaffende zu finden, die das ehrenamtliche Gefäss im Aktionsraum der visarte.bern weiterführen. Falls Sie sich für eine Wiederaufnahme des Projekts interessieren und engagierten möchten, wenden Sie sich bitte an das Sekretariat.
Im Rahmen der Produzentengalerie 2007/8 wurden Ausstellungen von folgenden Kunstschaffenden gezeigt: Ernesto Nicolai, Paul Le Grand, Christine Freudiger, Heinz Mollet, Markus Furrer, Burkhard Hilty, Dieter Seibt, Ka Moser und Alexander Egger.
Unterstützt wurde die Produzentengalerie 2007/8 von: visarte.bern, KulturStadtBern, Amt für Kultur Kanton Bern, Burgergemeinde Bern, PROGR Verein, Stadt Thun, Mobiliar Versicherung.
Archiv Veranstaltungen 2007/8

Ernesto Nicolai
6. bis 8. Juni 2008
Ernesto Nicola Nicolai ist mit seinen “interventi spaziali”, seinen Untersuchungen im Raum, dem Unsichtbaren auf der Spur. Movens seiner Arbeit ist die Frage “Wie stark sind wir von Sachen beeinflusst, die wir gar nicht wahrnehmen?” Nicolai denkt dabei an Phänomene wie Schallwellen oder Elektrosmog. Sein Thema berührt somit leicht die Grenzen zur Naturwissenschaft, doch der Berner Künstler, der seine Ausbildung an den Kunstakademien in L’Aquila und Rom erhalten hat, behandelt es immer rein künstlerisch.
Angefangen hat Nicolai mit dem Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen, das Unfassbare in eine abstrakte künstlerische Form zu bringen. Auf seinen frühen Bildern aus den späten 1980er Jahren löste er Wolken und Himmel zu einzelnen Farbfelder auf. Das Farb- und Formvokabular seiner Bilder variierte im Lauf seiner künstlerischen Entwicklung, ging mal ins feurig Explosive, mal ins wasserweich Gewellte. Hin und wieder kombinierte er seine Malerei mit experimentellen Sounds. Schliesslich fand er in der Erscheinung des Pilzes ein Symbol für jene unsichtbaren Kräfte, denen er nachspürte. Pilze reagieren sehr sensibel selbst auf schwache Umwelteinflüsse. Zudem spielt sich das wahre Leben der Pilze selbst im Unsichtbaren ab. Das, was landläufig als Pilz bezeichnet wird, ist nur der Fruchtkörper, der eigentliche Pilz lebt als unterirdischer Körper, als so genanntes Myzel.
Mit dem Pilz hat Ernesto Nicola Nicolai, der 1960 in Bern geboren wurde, ein Motiv gefunden, das er sich mit unterschiedlichsten Techniken bearbeiten kann. In einer eher bildhaft nachempfindenden Annäherung entstanden Anfang der 1990er Jahre Pilze aus Pappmaché. Bei Ausstellungen in der Loeb Galerie oder der Dampfzentrale legte Nicolai sogar Beete an, aus denen weisse Champignons mit der für Pilze üblichen Plötzlichkeit hervorsprossen. 1995 wandte er sich dann dem unsichtbaren Teil der Pilze zu. Zwei Jahre lang arbeitete er an einem Myzel. Aus zu Fäden gezogener Stahlwolle erstellte er ein spinnwebartiges Netz, das 1998 die Galerie Francesca Pia in einen geheimnisvollen Raum verwandelte. Einem zwar oberirdischen, dennoch unsichtbaren Teil des Pilzkorpus hat Nicolai sich in den letzten Jahren zugewandt: den mikroskopisch feinen Sporen, die der Vermehrung des Pilzes dienen. In der Serie “Sporenfänger” fotografiert Nicolai Berggipfel, die eine natürliche Grenze für den Sporenflug darstellen. Auch für Lebewesen, die für uns unsichtbar in den Lüften schweben, ist die Welt nicht ohne Barrieren.
Alice Henkes
Paul Le Grand
2. bis 4. Mai 2008

Lewis Carroll liess seine Alice nicht nur davon träumen, einmal das Haus im Spiegel zu besuchen. Leichtfüssig springt sie aufs Kaminsims, das kühle Spiegelglas löst sich auf wie silberheller Nebel.
Spiegelwelten öffnen sich auch in den Arbeiten von Paul Le Grand. Ihr komplexer Sinn verbirgt sich in der Tiefe, an der Oberfläche wirken die Installationen oft simpel. Das Objekt “Intersection”, das er 2005 an der Weihnachtsausstellung im Kunstmuseum Thun zeigte, sieht einem schlichten Regal zum Verwechseln ähnlich. Das im wahrsten Sinne des Wortes raumgreifende Innenleben des Objekts offenbart sich beim Blick in die verspiegelten Innenseiten. Leicht schräg gesetzt, öffnet sich in ihnen eine unendliche Reihe von Spiegelungen, ein virtueller, leicht gekrümmter Raum, der, wenn er weiter gedacht wird, einen Durchmesser hätte, der dem Umfang des Museumsgebäudes entspräche. Aus dem Spiegel wächst ein imaginärer Spiegelgang rund ums Museum.
Paul Le Grand, 1949 in Thun geboren, studierte in Genf an der école d’arts visuels. Den jungen Künstler faszinierten amerikanische Positionen der 1960er-Jahre wie Claes Oldenbourg, Donald Judd, Sol Le Witt, Bruce Nauman. Auch Land Art Projekte begeisterten ihn, was in seinen zahlreichen Arbeiten im öffentlichen Raum nachwirkt. So entwickelte er 2005 gemeinsam mit Dominik Stauch das Projekt “My Souvenir” auf dem Bahnhofsplatz in Thun. Sechs Fahnen flattern dort im Wind, alle uni. Die Farbfolge kann unter www.mysouvenir.ch von Internetnutzern mitbestimmt werden.
In seiner eigenen Arbeit suchte er bald nach der Möglichkeit, vielschichtige Aussagen mit einfachen Mitteln zu machen und stiess dabei auf den Spiegel, der “etwas Dreidimensionales im Zweidimensionalen hat.” Und nicht nur das. Im Kunstschaufenster in Thun installierte er unter dem Titel “alles echt wahr” 120 Schminkspiegel in Reihen, mal mit dem Normalglas, mal mit dem Vergrösserungsglas zum Betrachter, der im Vorbeigehen ein Bildgeflimmer aus Versatzstücken des Umraumes und seines Porträts erhält, das zuweilen Kopf steht. An solche Wahrnehmungsspiele lassen sich leicht Überlegungen zum Verhältnis von Bild und Wirklichkeit, zu Sichtbarkeit und Abbildbarkeit der Welt knüpfen. “Mich interessieren auch Fragen wie jene, was im Spiegel ist, wenn ich nicht hineinsehe”, sagt Paul Le Grand, der mit seiner Arbeit Fragen aufwirft, die spielerisch ans Philosophische rühren.
Alice weiss, dass es auch jenseits des Spiegels Bücher gibt und somit ein Denken und Schreiben und Philosophieren. “Die Bücher schauen unseren verblüffend ähnlich”, erzählt sie ihrem Kätzchen, “nur die Wörter sind verkehrt herum geschrieben”.
Christine Freudiger
Vernissage 4. April 2008
Christine Freudiger arbeitet gern mit Licht, denn sie mag das Transparente, das Schwebende und das Bewegte, das Flüchtige. Mit Bildprojektionen, die mitten im Raum zu stehen scheinen versucht sie die statische Begrenztheit des normalen Bildes zu sprengen. Oder mit Sandwich-Siebdrucken, bei denen die Grundfarben Magentarot, Cyanblau und Gelb auf drei Glasplatten gedruckt werden. Liegen die drei Platten übereinander, erkennt man ein “normales”, farbiges Bild.
Begonnen hat Christine Freudiger, die 1954 in Winterthur geboren wurde, mit Malerei und Zeichnungen. Doch schon in den frühen Arbeiten findet sich etwas von dem Wunsch, Bewegung ins Bild zu bringen. So malte sie etwa simple Schrauben auf Baumwollstoffe und schnitt gleichmässig vertikale Linien in den leichten Malgrund, so dass beim Betrachten der Eindruck eines leichten Flimmerns entsteht.
In Bern aufgewachsen, machte Christine Freudiger zunächst eine Ausbildung zur Primarlehrerin, bevor sie an der Kunstakademie in München und später der Hochschule für Künste in Hamburg studierte. Zurück in Bern, experimentierte sie auf dem Gebiet der Performance. 1994 fand sie mit der Arbeit “Familienchronik” zu einer Ausdrucksform, in der Licht und Leichtigkeit sich mischen und die sie bis heute in zahlreichen Variationen beschäftigt. In der Galerie Kunstfalle des Berner Kunstkanals, damals noch im Ulmenweg 9, zeigte sie im Wechsel hintereinander drei historische Familienfotos als Projektionen. Durch offene Verbindungstüren konnten sich die immateriellen Bilder durch alle drei Räume der Wohnung ausbreiten. Eigens installierte Objekte bildeten zusätzliche Bildflächen für die Dias, durch die der Betrachter quasi hindurch ging.
Das Spiel mit Licht und Bildern hat Christine Freudiger seither immer wieder variiert. In der Kunsthalle Bern projizierte sie 1995 erneut Familienbilder auf ein im Raum “schwebendes” Sofa. Im Kiosk Lorraine erzeugte sie mittels Blättern aus Spiegelscherben ein tänzerisches Licht- und Schattengewebe, wie es sich manchmal an sonnigen Herbsttagen in Laubwäldern findet. Mit ihren Sandwich-Bildern versucht sie die Leichtigkeit der Licht-Bilder in eine etwas festere Form zu binden. Und schliesslich interessieren sie auch jene lichten Momente, wie sie im Wechselspiel von Tageszeiten und Witterungsverhältnissen entstehen. So fotografiert sie zum Beispiel in Bern oft Hauswände, auf die die besonnten Fenster gegenüberliegender Gebäude ihre welligen Reflexe werfen.
Heinz Mollet
Vernissage 7. März 2008
“Vielleicht”, sagt Heinz Mollet, “habe ich mal Lust, eine Blume zu malen.” Ganz ausschliessen mag er das nicht. Mollet, der in der Malerei konsequent die eigenen Möglichkeiten im Feld der Abstraktion erforscht, lässt auch “Suchbewegungen” zu, die an die Ränder des Abstrakten tippen. Wichtig ist vor allem, wie etwas gemalt ist: der Pinselduktus, das Formenvokabular, die Farbkomposition, in denen der Gestus, der Prozess des Malens sich manifestiert, jener Vorgang, der für den Betrachter des Bildes letztlich unsichtbar bleibt.
Geboren 1947 in Grossaffoltern, besuchte Heinz Mollet die Kunstgewerbeschule in Bern und Biel. Einen wichtigen Impuls gab ihm die Begegnung mit dem Werk des texanischen Malers Robert Ryman, der in seinen weissen Bildern die Möglichkeiten und Wirkweisen von Farbauftrag und Malgrund untersucht. Auch für Heinz Mollet lautet eine Kernfrage seiner Arbeit: “Was ist alles möglich in der Malerei?” Oder, wie Konrad Tobler es formuliert, was kann durch Malerei “Wirklichkeit werden?” Mollets Malerei reflektiert sich selber: ihre Wirkung, ihre Absicht, ihre Herkunft, auch ihre Verknüpftheit mit der Kunstgeschichte, ohne die eine zeitgenösssische Kunst gar nicht denkbar wäre.
Wichtige Impulse kommen dem Aeschlimann-Corti-Stipendiaten auch aus der Musik. Heinz Mollet reiht sich ein in die grosse Zahl jener abstrakten Künstler, für die Musik eine wichtige Rolle spielt. Das Kompositorische der Bilder klingt an im Seriennamen der “Parts”, die Mollet 2002 begann. Farbtöne, Farbdichten, Flächen und Linien wirken in diesen hellgrundigen, himmelleichten Bildern zusammen wie ein sommerlich gestimmtes Orchester und in den Farbelementen, die in diesem Blau und Beige schweben kann der Betrachter, so er will, durchaus so etwas wie Blumen sehen.
In seinen neuesten Arbeiten sind die Farben schwer, die Formen kantig geometrisch. Helle leichte Farbtupfen betonen die Schwere und umschwärmen die dunklen Formen wie Wolken ein nächtliches Gebäude. Überraschend scheint sich so etwas wie räumliche Tiefe in den Farbflächen aufzubauen. Vegetative Formen gesellen sich zu solchen, die an Kleider-Silhouetten erinnern. Da mischen sich Eindrücke aus Museen und Schaufenstern, die Mollet, der jüngst ein Reisestipendium des Kantons Bern erhalten hat, auf einer Tour durch europäische Städte sammeln konnte. Die Welt der Abstraktion ist nicht ohne Verbindung zur Welt des Gegenständlichen. Mollets “Suchbewegungen” lassen diese Verknüpfung zu - und überraschen den Betrachter, indem sie stabil wirkende geometrische Formen mit wie gewachsenen, vitalen Formen und leicht gebauschten Farbanwölkungen kombinieren. Die Möglichkeiten der Abstraktion, dessen ist Heinz Mollet sicher, sind unerschöpflich.
Alice Henkes
Markus Furrer
Vernissage 1. Feburar 2008
Aus nichts etwas schaffen: das ist ein Traum von Markus Furrer. Auf der Fri-Art in der Kunsthalle Fribourg schuf er Ende der 1990er-Jahre eine temporäre Skulptur, indem er die Mäntel der Besucher unter die Decke hinaufzog.Das Momenthafte und das Kommunikative liebt Markus Furrer, das Bewegliche. Die Kunst entsteht aus für ihn aus den Gesprächen, die er führt, den Lektüren, dem Denken heraus. Sie ist immer eng verknüpft mit dem Leben als solchem, dem Sein mit allen grossen Fragen, die die Philosophie daran geheftet hat, und mit dem eigenen Leben, das wechselnden, nicht planbaren Einflüssen ausgesetzt und manchmal auch unterworfen ist.
Dem Leben und seinen Geschichten spürte er nach, als er im letzten Jahr für eine Ausstellung in der Kultur Mühle in Lyss Interviews mit Bewohnern des benachbarten Altersheimes in Bild und Ton aufnahm. «Was war wichtig in Ihrem Leben?» fragte er die Senioren, die oft lange überlegten und sich dann vielleicht an den Sommer erinnerten, in dem es im Mai noch geschneit hat - Bilder, die dem Aussenstehenden nebensächlich erscheinen können. Was wichtig war in seinem Leben - da stutzt auch Markus Furrer. Wer kann das schon sagen? Ist nicht, was heute wichtig erscheint, morgen vielleicht schon wieder ganz banal? Geboren 1960 in Bern, absolvierte er zunächst eine Feinmechaniker-Ausbildung. Dabei lernte er das Sehen und Zeichnen. Ausgeübt hat er den erlernten Beruf nie.
Stattdessen versuchte er sich in der Malerei. Er lebte in Bern, im Schwarzenburger Land, seit 1986 in Biel. Durch Kontakte mit anderen Künstlern kam er mit konzeptueller Kunst in Berührung, mit der Idee aus dem Nichts, aus dem Moment heraus etwas zu machen, die ihn immer noch fasziniert.
Aus dem Moment geboren ist auch ein Video, in dem er durch die Taubenlochschlucht bei Biel geht, die Hand am Handlauf. Diese Handstützen und Wegmarken in schwierigem Gelände faszinieren Furrer: «Sucht nicht jeder Künstler seinen eigenen Weg den Gipfel hinauf?» fragt er. Unversehens kommt dem Handlauf symbolische Bedeutung zu.
Er könnte auch fragen: Muss denn jeder einen eigenen Weg finden? Er besitzt eine Sammlung von 1.200 Dias unterschiedlicher Herkunft. Gelegentlich wählt er daraus Bilder aus, druckt und zeigt sie. Nicht als seine eigenen, eher als kritischen Hinweis darauf, dass die Welt, von der wir uns ein Bild machen wollen, längst voller Bilder sei. Wie ein Kommentar dazu hängen in seinem Atelier zwei Fotos, die er in Carona, dem Ferienort Meret Oppenheims, aufgenommen hat: ein Mann und eine Frau schauen durch kleine Fensterchen in der Kirchentür ins verborgene Innere. Jeder, so könnte der Subtext lauten, möchte sich sein eigenes Bild machen, seine eigene Geschichte erzählen.
Alice Henkes
Burkhard Hilty
Vernissage 18. Januar 2008
Die Spruchweisheit vom Schuster, der bei seinem Leisten bleiben soll, beherzigt er bewusst nicht: “Das Leben ist zu kurz, um immer nur eine Sache zu machen”, erklärt Burkhard Hilty, der in seinem langen Leben schon einiges gemacht und ausprobiert hat, sowohl beruflich als auch künstlerisch.
Geboren 1929 in Nesslau in St. Gallen, hat Burkhard Hilty als Lehrer in der Schweiz, in Spanien und in China gewirkt, war aber auch schon als Nachtwächter oder Alpknecht tätig. Die Kunst hat ihn immer begleitet. Angeeignet hat Hilty sie sich vor allem autodidaktisch. Lange Zeit hat er sich vor allem mit den streng geometrischen Formen der konkreten Kunst beschäftigt, um “wenigstens in meiner Kunst-Welt Ordnung zu schaffen.” Vor allem in vielen Holzobjekten Hiltys ist dieser Ordnungsanspruch deutlich spürbar. Wie Räume wirken die Arbeiten oft, geradezu verwirrend in ihrer schlichten Klarheit.
In der Malerei jedoch hat sich Hilty vom strengen Ordnungsgedanken längst wieder gelöst. Mitte der 1990er Jahre entstanden “Balkenbilder”, in denen sich geometrisch exakte Formen und frei aufgetragene Farbflächen, das Chaotische und das Geordnete verbinden. Er experimentierte danach mit Formen der Minimal Art und Effekten der Op-Art und mit freien Farbverläufen, die er durch Drehen und Wenden der Leinwand dezent lenkte. Seit gut einem Jahr konzentriert er sich auf seine “Rissbilder”: Auf farbig grundiertes Papier klebt er breite Klebestreifen und zieht sie wieder ab. Dabei wird auch ein Teil der Farbe und der obersten Papierschicht entfernt. Anschliessend färbt Hilty das Blatt in einer zweiten, helleren Farbe ein, so dass die Strukturen der Rissstreifen klar heraustreten. Überzeugen ihn die kleinformatigen Rissbilder auf Papier, so überträgt Hilty sie auf Leinwand. Die grossformatigen Acrylbilder wirken glatter aber auch geheimnisvoller als die kleinen Blätter.
Seine Entwürfe seien für ihn, was der Mont Sainte-Victoire für Cézanne war, sagt Hilty: “Ausgangspunkte für die Malerei.” Burkhard Hilty hat es dabei auf Landschaften abgesehen, die es noch nicht gibt. Bei der Arbeit in seinem Thuner Atelier sucht er “Formen, die keine Symbole sind, die man aber brauchen könnte, um Inhalte und Ideen darin zu versorgen”. Aus den mal schroffen, mal sanft mäandernden Strukturen der “Rissbilder” etwa lassen sich Welten lesen. Hilty hofft auf Assoziationsfreude beim Betrachter und verzichtet bewusst auf Bildtitel: “Man muss nicht sehen, was der Hilty sieht.” Er hat auch schon wieder etwas Neues gefunden: experimentiert mit Papieren, die er mit dem Cutter ritzt, wodurch zarte, reliefartige Strukturen entstehen. Sein Ei des Kolumbus habe er nicht gefunden, sagt er und scheint ganz froh darüber: “Ich suche mir immer neue Eier!”
Dieter Seibt
Vernissage 7. Dezember 2007

“Das Knacken des Zimmers ist unbewusst gewordenes inneres Zerbrechen”. Neben diesem Satz steht eine Pinselzeichnung, ein skizzenhaft vereinfachtes Gesicht mit einem Ausdruck, als höre da einer bedeutungsschweres Knacken. Die Leichtigkeit der Zeichnung, die Lust am Spiel mit der Sprache: das ist eine Seibtsche Seite.
Zwei Seiten habe er, sagt Dieter Seibt von sich, eine meditative und eine spontane. Der meditative Seibt, sowohl von der östlichen Philosophie wie von der konkreten Kunst des Westens beeinflusst, malt ruhige Farbfelder, monochrome Blätter. Der intuitiv-vitale Seibt schafft mit wenigen Pinselstrichen und Collage-Elementen tagebuchartige Skizzen, zeigt sich abstrakt, gegenständlich, oft mit subversivem Humor, immer mit hellwachem Gespür für die fortschreitenden Erosionen und die Knackpunkte in unserer Zivilisation.
Aus der Verbindung des scheinbar Unvereinbaren erwächst ein spannungsvolles Werk. Wo das Meditative und das Spontane sich begegnen entsteht Neues, Unerwartetes. Weit mehr als zweiseitig ist Dieter Seibt ein Künstler mit vielen Facetten, der Poesie mit Kritischem und Persönlichem gleichermassen verquickt. Wie selbstverständlich gehen Meditation und Medienkritik Seite an Seite. In den scheinbar leichten Pinselzeichnungen und Collagen entdeckt man bei näherem Hinsehen zahlreiche Anspielungen auf Kunstgeschichte und Zeitgeschehen. Es gibt comichafte Elemente, Satirisches. Seibt liebt das Probieren, das Schaffen das keinem Konzept folgen muss. “Die Dinge stellen sich ein”, sagt er. Zuweilen wird die Schaffenslust ein wenig übermächtig: Seibt überarbeitet gern und immer wieder, stellt den Entstehungsprozess über das fertige Werk.
Dieter Seibt, 1941 in Stuttgart geboren, war nach seiner Ausbildung an der Kunstakademie Mannheim als Bühnenbildner tätig. 1969 zog er nach Biel und wechselte in die Freie Kunst. Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet. Seit Gründung der Hochschule der Künste in Bern 1987 bis 1992 unterrichtete er dort als Lehrbeauftragter.
Die Herkunft vom Theater ist im Werk immer noch spürbar - in den Objekten vor allem, die stark szenisch wirken, und in der Verwendung von Texten und Musik. Aus der Distanz gesehen wirken seine raumhaften Objekte klar strukturiert, sachlich-reduziert. Dass sie aus Materialien wie Windschutzscheibenabdeckungen und Bettrahmen bestehen, sieht man nicht sofort. In diesen beinahe kühlen Szenarien aber installiert Seibt kleine Tonfiguren. The Great Family nennt Seibt seine Figuren, allesamt beflaggt mit wehenden Fahnen, den Insignien ihrer Zugehörigkeit zu einem Ort und Gedanken.
Alice Henkes
Ka Moser


Begonnen hat es mit Worten: rotblaugrünviolettorangetürkisgoldenlilarosagelb
“Das Farbengedicht” ist für Ka Moser Thema und Inspirationsquelle in steter Entwicklung. Es führt die Künstlerin, die 1937 in Zürich geboren wurde, zu immer neuen Bildern in verschiedenen Medien und Techniken und mit wechselnden Themenschwerpunkten.
“Das Farbengedicht” entstand 1983 spontan als gesungener Text in einer Konzertperformance mit Stimme und Klavier. Ka Moser, die in den 1980er-Jahren fast ausschliesslich Musik gemacht hatte, wurde von der Kraft der besungenen Farben wieder zu visuellem Arbeiten geführt. Über kleine Objekte kam sie zum Bild. Es entstanden erste Zeichnungen mit Farbstiften auf Karopapier, grössere Bilder folgten, zuerst in Acryl-, dann in Ölfarbe. Noch nicht lange nutzt Ka Moser auch den Computer für ihre Entwicklungen und Verwandlungen auf der Grundlage ihres Farbengedichts, das Konzept und Poesie zugleich ist. Erste Arbeiten ihrer Weiterentwicklungen am Computer sind in dieser Ausstellung zu sehen.
Unerschöpflich scheinen die Möglichkeiten die ihre minimale Wortpoesie birgt, so “als handle es sich um ein magisches Einmaleins” (Simon Baur). Ka Moser komponiert mit den zehn Farben ihres Gedichtes, findet manchmal spielerische Regeln die “die Farbe möglichst selber zu Wort kommen lassen”, wie Ka Moser sagt. Auch die reduzierte horizontale und vertikale Gliederung der Bildgründe dient dem maximalen Ausdruck der Farbe.
Den Betrachter können Ka Mosers Werke zu Reflexionen über das Sehen und Erfassen anregen. Eine dreiteilige Serie in dieser Ausstellung zeigt das gleiche Sujet in wechselnder Farbintensität, von kraftvollen satten Tönen bis hin zu einer wie überbelichteten Helligkeit. Der Betrachter sieht sich gleichsam drei emotional unterschiedlichen Bildräumen gegenüber und wird selbst zu einem unabdingbaren Teil des Kunstwerks.
Eine besondere Bedeutung kommt in Ka Mosers Werk den Spiegelungen zu. Der Spiegel, des Menschen visuelle Selbstvergewisserung, zeigt ein nur scheinbar treues stets seitenverkehrtes Abbild. Spiegelungen und Reihungen mit ersten spontan entstandenen, meist kleinformatigen Bildern entwickelten sich zu den “Mustermustern”, in denen ein Bild vielfach multipliziert und gespiegelt wird. Das menschliche Auge, immer um eine gewisse Ordnung und Orientierung bemüht, kann in diesen Mustermustern ganz neue Strukturen und Bildzusammenhänge entdecken. Metamuster könnte man diese Bilder auch nennen, die an das Ornament erinnern, wie wir es aus alten Kulturen kennen: hier wie dort geeignet, die Versenkung zu fördern, das Denken aus dem Alltäglichen hinaus zu geleiten.
Alice Henkes
Alexander Egger

Am Anfang war der Widerspruch. Ein Sonderheft zum Thema «Selbstporträt» der Zeitschrift «Camera» reizte Alexander Egger zum Selbstversuch. Mit dem Gedanken «Da steckt doch mehr drin!» stellte er sich vor seine Kamera und drückte den Selbstauslöser. So entstanden Schwarz-Weiss-Bilder die in einer direkten Bildsprache, unscharf, eigentümlich angeschnitten, einen 30-Jährigen in der Krise zeigen. Alexander Egger, 1946 in Liebefeld bei Bern geboren, studierte zunächst Geologie und Mineralogie. Kurz nach dem erfolgreichen Studienabschluss stürzte er in eine Lebenskrise. Die Fotografie, wie er sie in seinen Selbstporträts entdeckte, gab ihm den Anstoss zur Neuorientierung. Sich selbst hat er später nie mehr fotografiert. Viele andere Personen jedoch hat er porträtiert, auch in seinem Brotberuf als Fotojournalist. Sowohl für den Künstler als auch für den Pressefotografen Egger ist es wichtig “nicht nur ein schönes Bild zu machen, sondern eines, dass die Person rüberbringt.” Das gilt auch für seine Bücher: gemeinsam mit Fred Zaugg vom «Bund» porträtierte er Aeschlimann-Corti-Stipendiaten. In «Ich pendle also bin ich», stellt er neben die in “20 Minuten” erschienenen Kolumnen von Bänz Friedli schnappschussartige und doch intime Bilder aus S-Bahn-Gedränge und Vorstadt-Ruhe. Denn nicht nur Gesichtern, auch Landschaften, Körpern, Tieren nähert sich Alexander Egger mit einer feinfühligen Neugier. Auf eine bestimmte Technik ist er dabei nicht festgelegt: ob digital oder analog, Kleinbild, Grossformat,Panorama- oder simple Lochkamera, Egger nutzt verschiedene Kameratypen. Oft arbeitet Alexander Egger auf seinen Bildstreifzügen mit Gizzi Flaubert zusammen. Besonders liebt er die schlichten Lochkameras, die er nicht fix installiert, sondern während des Belichtens in den Händen hält, was einen leichten Vibrationseffekt ergibt. Die Welt auf Eggers Lochkamera-Bildern ist eine Welt in Bewegung, die sich dem endgültigen Zugriff entzieht, ein Kosmos im Ungefähren, der noch Geheimnisse birgt. Etwas Geheimnisvolles ist auch um seine Installation “Terminator”*, die mit dem Thema der Ausstellungsreihe “The Dark Side of the Moon” spielt und es von der heiteren Seite nimmt. Denn ein bisschen hinter dem Mond zu sein, sei nicht schlimm, glaubt Egger. Es gibt schliessliche viele gute Leute die da sind.
*Terminator bezieht sich übrigens nicht auf den bekannten Film mit Arnold Schwarzenegger. Der Begriff bezeichnet die Linie, die auf einem Planeten die Licht- von der Schattenseite scheidet.
Alice Henkes
Peter Gysi
7. bis 9. September 2007

Wenn das Schlichte, das ganz Elementare irritieren kann, dann bei Peter Gysi. Seine frühen Arbeiten, zumeist Schichtungen und Reihungen einfacher, kaum oder gar nicht nachbearbeiteter Bleche und Metallprofile, laden den Betrachter geradezu ein, sie mit einer sehr akkuraten Sammlung von Nutzmaterial ohne Kunstanspruch zu verwechseln. Diese Arbeiten «setzen ihren Kunstcharakter aufs Spiel», wie Markus Schürpf einmal schrieb. Sie scheinen besonders radikal dem Anspruch der Minimal Art folgen, den Illusionismus der Kunst mit Objekten aufzubrechen, die auf nichts verwiesen, ausser auf sich selbst.
Doch so leicht ist Peter Gysi nicht zu fassen. Gehört doch zu seiner Denk- und Arbeitswelt auch eine Sammlung von 50.000 Ansichtskarten. Und immer häufiger entstehen in den letzten Jahren neben den grossen strengen Arbeiten, die deutlich dem Geist des Konstruktivismus verbunden sind, kleine, eigenwillige, schwerer einzuordnende Objekte wie der Kranz aus Spülbürsten oder das abstrahierte Flaschenschiff in der PET-Flasche. Der Schalk blitzt aus diesen Arbeiten, in denen Strandgut des Alltags und eine fragende Phantasie spannende Formen finden. Mit einem kecken Augenzwinkern scheinen diese Arbeiten das Ordnungssystem der Schichtungen und Reihungen, die Kunst und die sich darin spiegelnde Welt in Frage zu stellen. Arbeiten, in denen Werkzeuggriffe in nutzlosen Schnörkeln enden, verbildlichen nicht nur “die Unzulänglichkeiten des Alltags”, wie Gysi lächelnd sagt. In den Werkzeuggriffen wie auch in den oft benutzten Blechen und Metallteilen steckt ein biografischer Verweis. Die Eltern des 1955 in Chur geborenen Künstlers führten eine Eisenwarenhandlung in Arosa. Gysi verliess diesen Rahmen bürgerlicher Geschäftigkeit und besuchte ein Jahr die Schule für Gestaltung in Luzern und bildete sich danach autodidakt weiter. Mit den Materialien der funktionalen Elternwelt begann er seine eigene Kunstwelt zu gestalten. Metalle formen auch seine faszinierenden Schriftobjekte, wie z.B. EMME - zusammengesetzt aus Buchstaben, wie sie in Sehschärfe-Tests benutzt werden. Das E sieht aus wie ein auf die Seite gekipptes M. Es sieht wie das Gleiche aus, bedeutet aber nicht das Gleiche. “Nichts ist gleich nur Gleiches gleicht Gleichem”, lautet ein Grundsatz Peter Gysis. Ein Satz aus der Welt eines Nachdenkers, der die Dinge nicht leicht nimmt, auch wenn sie schwerelos scheinen mögen.
Alice Henkes
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